„Dieses ganz Leichte, Schwerelose …“
Michael Ziegler im Interview
Michael Ziegler ist Zeichner, Maler und Fotograf. Von 12. Dezember 2025 bis 15. März 2026 stellt er unter dem Titel „Still-Leben“ eine Serie von Blumenbildern und eine Auswahl weiterer Stillleben aus. Über seine Bildmotive, künstlerischen Techniken und – oft über lange Zeit weitergeführten – Werkserien sprach Michael Ziegler (MZ) im November 2025 mit Esther Pirchner, Sylvia Frenes-Lutz und Angela Braster (KiS).
KiS: Sie arbeiten von jeher mit verschiedenen Medien und Techniken. Wählen Sie diese zu den Motiven ihrer Bilder oder bestimmten Werkserien aus?
MZ: Mir schwebt vor, dass ein Werk so etwas wie ein Haus ist: mit verschiedenen Stockwerken, verschiedenen Zimmern und verschiedenen Ausblicken. Deswegen gibt es zuerst einmal drei Medien – die Fotografie, die Malerei und die Zeichnung – und da wiederum alle möglichen Untergruppen. In der Fotografie gibt es zum Beispiel die, die mich wie ein Haiku durch den Tag begleiten, und analoge Fotos, beispielsweise Doppelbelichtungen. Eine dritte Gruppe sind Filmstills. Als passionierter Filmschauer habe ich eine umfangreiche Filmsammlung. Wenn ich einen Film ansehe, mache ich mir Notizen darüber, was mit meiner Arbeit korrespondiert. Dann wird der Film gestoppt und das Bild wird abfotografiert.
Die wichtigste und zahlenmäßig größte Gruppe ist die Zeichnung. Sie ist Grundlage für vieles, sogar für viele Fotos. Für die Malerei ist sie das Um und Auf. Wenn ich eine Idee habe, zeichne ich sie auf. Das geht schnell, unkompliziert und leicht. Man kann Ideen auch wieder ändern und Schwenks machen. Als Nächstes entstehen meistens erst einmal Wasserfarbenblätter, und ab und zu – wenn ich das Gefühl habe, das möchte ich weiter ausführen – male ich ein Ölbild auf Leinwand oder auch in ganz kleinem Format auf Papier. Bei den Landschaften hatte ich früher das Gefühl, sie bräuchten ein gewisses Format – 1,50 oder 1,60 Meter –, aber das mache ich inzwischen seltener.
Neben den verschiedenen Medien gibt es auch eine große stilistische Bandbreite. Das sind einmal „realistische“ Bilder wie die Stillleben, die Blumenbilder und die sehr wichtige Gruppe der Landschaften. Sie entstehen nicht eines nach dem anderen, sondern oft mit großen Pausen dazwischen.
Dann geht es auch ins Abstrakte hinüber. Eine ganz wichtige Reihe ist „von Dir zu mir“, in der ich mich mit der Kunst des Fernen Ostens beschäftige. Ähnlich wie in Goethes „West-östlichem Divan“ erweitere ich meinen Formenschatz, indem ich mich von indischer, chinesischer, japanischer Plastik und Malerei inspirieren lasse. In dieser Werkgruppe, die ich vor fast dreißig Jahren begonnen habe, gibt es viele spielerische, offene, fast abstrakte Arbeiten.
Hinter all dem steht die Idee der verschiedenen Ausblicke. Die Entwicklung geht nicht nur in eine Richtung, sondern sie verläuft elliptisch. Ich greife Gruppen wieder auf, die ich vor zehn, zwanzig Jahren einmal liegen gelassen habe, und es ist mir wichtig, Ausstellungen auch mit älteren Arbeiten zu machen. Ich schaue immer wieder, wie verschiedene Gruppen neu ineinandergreifen oder mich dazu inspirieren, etwas Neues zu machen.
KiS: Sie sagen, dass die Zeichnung eher flott und flüchtig ist. Wie lange arbeiten Sie an solchen Bildern?
MZ: Von der Anfangsidee bis zum fertigen Bild kann – sogar bei einer Zeichnung – über ein Jahr vergehen. Die Zeichnungen, die ich ausstelle, sind oft die Zeichnung einer Zeichnung einer Zeichnung. Zuerst kritzle ich das Blatt eher zu, und wenn es eine gewisse Dichte erreicht, mache ich davon wieder eine Zeichnung. Manchmal ändert sich auch etwas: Aus Männern werden Frauen, die Zeichnung wird auf den Kopf gestellt oder es wird etwas ausradiert. Das Resultat, manchmal das zehnte Blatt, das ich anfertige, ist oft sehr zart und zurückgenommen. Die meisten, die dazwischen entstehen, vernichte ich.
KiS: Wie wählen Sie Ihre Motive aus? Warum regen bestimmte Landschaften, Blumen oder liegende Figuren Sie dazu an, sie im Bild festzuhalten?
MZ: Letztendlich ist meine Arbeit ein bisschen autobiografisch. Ich ziehe nicht ein Projekt durch, sondern es muss sich ergeben. Die ersten Landschaften entstanden zum Beispiel, als ich bei meinen Schwiegereltern in Oberösterreich war und lange Spaziergänge gemacht habe. Diese Landschaften sind auch Teil meiner Erfahrung. Genauso ergeben sich Stillleben aus den Sachen, die sich ansammeln, die im Atelier herumstehen. Irgendwann stelle ich etwas dazu und denke mir, daraus könnte eine Zeichnung oder ein Stillleben werden. Es wächst aus meinem Erleben heraus, ich mache es, weil es mir Freude bereitet. Ob es ein gutes Bild ist oder auch für jemand anderen einen Wert hat, wird sich herausstellen. Für mich ist der Arbeitsprozess an sich eine wichtige, intensive Zeit, die mich erdet und trägt.
Die Blumenbilder sind ein gutes Beispiel dafür: Es geht nicht nur darum, die Blumen zu malen, sondern sie zu finden, zu arrangieren, anzuschauen und mit ihnen zu leben … Ich bin schon als Kind mit meinem Großvater oft Blumenpflücken gegangen. Wir haben gesagt: „Jetzt machen wir für die Oma oder für die Mama einen Blumenstrauß“, und er hat mir gezeigt, wie man Blumen arrangiert. Man darf das nicht zu sehr in den Vordergrund stellen, weil es dann zu sentimental klingt, aber dieses verlorene Kindheitsgefühl, diese schönen Erlebnisse in der Landschaft möchte ich für mich, aber auch für andere wieder herbeizaubern.
Die Bilder entstehen also nicht aus strategischen Überlegungen oder weil ich denke, das fehlt auf dem Kunstmarkt. Es ist schön, wenn ein Bild gelingt, aber es ist nicht die Hauptsache für mich.
KiS: „Präzision vereint mit Flüchtigkeit. Alles zeigen, nichts verraten. Zeichnen bedeutet für mich, hinter den Spiegel zu gelangen.“ Dieses Zitat von Ihnen hat bei mir die Assoziation geweckt, dass man sehr gut sehen, sehr gut wahrnehmen können muss. Wie lernt man sehen?
MZ: Indem man einfach wahnsinnig viel anschaut. Ich habe schon mit zwölf, dreizehn Jahren angefangen, regelmäßig in Museen und Ausstellungen zu gehen, und habe schon sehr früh zu malen begonnen. Das eine ergibt das andere: die praktische Tätigkeit, aber auch das Sehen.
Man kann ein Bild nur beurteilen, indem man es mit anderen Bildern vergleicht. Als Maler, Zeichner und Fotograf vergleiche ich mich und meine Arbeiten letztendlich mit allen bisher entstandenen Bildern. Botho Strauß hat einmal gesagt: „Man schreibt unter Aufsicht alles bisher Geschriebenen.“ Wenn ich etwas mache, schaut mir die Vergangenheit über die Schulter. Und diese Kunstgeschichte im Hintergrund beflügelt und hemmt mich gleichzeitig.
2020 befand ich mich krankheitsbedingt in einer Krise. Da denkt man: „Was kann ich jetzt noch machen?“ Und dann waren drei Blumen auf dem Tisch und ich dachte: „Wenn ich die Augen schließe und denke, ein Bild könnte ich noch machen, dann ist es vielleicht dieses Blumenbild.“ Das hat etwas ganz Existenzielles. Die Frage, ob das für die Kunstgeschichte wichtig ist, habe ich hintangestellt. Aber für mich war es so notwendig oder so erfüllt, einmal alles wegzuwischen, reinen Tisch zu machen, dieses Blumenbild zu machen und zu sehen, was daraus wird.
KiS: Diesen Aspekt kenne ich auch aus der Musik: Wenn alles komponiert ist vom weißen Rauschen, in dem alle Töne gleichzeitig erklingen, bis zu John Cages „4′33″“, in dem kein einziger Ton angeschlagen wird, sind bestimmte Endpunkte erreicht. Danach kann man wieder alles machen, dann kann man auch wieder eine Melodie schreiben.
MZ: Das ist auch ein bisschen meine Geschichte, denn am Ende meines Studiums sind meine Arbeiten immer reduzierter geworden. Ich war mit 27, 28 in der Farbfeldmalerei angekommen, also ganz abstrakt und streng, und hatte meine erste Ausstellung in der Galerie Krinzinger. Aber ich empfand das auch als Sackgasse. Damals war ich in den Ferien immer in Oberösterreich und habe, wie gesagt, dort Landschaften gemalt. Zuerst dachte ich, es hat mit Kunst nichts zu tun, aber dann hatte ich zwanzig, dreißig Bilder beieinander und habe das erste Mal in Salzburg „gegenständlich“ Landschaften ausgestellt. So hat es sich ergeben, dass das Gegenständliche auch für mich ein Weg ist und sich mir in der Malerei neue Wege erschließen.
KiS: Auch Blumenbilder – wie die „Geranien“ von 1987 – gab es damals schon …
MZ: Ja, aber ganz, ganz selten.
KiS: 2020 sind Sie hingegen bei dem Thema geblieben …
MZ: Eine Zeitlang habe ich eigentlich nur Blumenbilder gemacht. Ich habe Blumen gesucht, bin herumgegangen und habe manchmal welche in der Markthalle gekauft. Am Anfang war Winter. Das war wichtig, weil sie auf der Veranda relativ lang gehalten haben und ich mehr Zeit hatte, sie zu malen. Mit der Zeit bin ich immer routinierter geworden.
KiS: Warum sind bei diesen Bildern Zeichnung und Wasserfarbe die Mittel der Wahl?
MZ: Dieses ganz Leichte, Schwerelose, Schwebende, Skizzenhafte kann ich eigentlich nur mit diesen Wasserfarben in dieser Form machen. Das sind keine Aquarellfarben – die sind für mich besetzt als etwas Virtuoses –, sondern Gouachefarben, also nichts anderes als Schuldeckfarben.
KiS: Rafael Jablonka hat für die Ausstellung bei KiS – Kunst in Seefeld außerdem Stillleben ausgewählt. Es gibt darin wiederkehrende Elemente wie Kirschen und andere, die selten oder nur einmal auftauchen, wie eine Spielkarte. Wie stellen Sie solche Arrangements zusammen?
MZ: Es ist immer eine Mischung aus Arrangiertem und zufällig Gefundenem. Die Spielkarte habe ich zum Beispiel auf dem Boden gefunden und mit heimgenommen. Hier ist sie dann eine Weile an der Vase gestanden. Es dauert immer eine Zeitlang, bis ich anfange, das Stillleben zu machen. Ich habe immer das Gefühl, wenn es so weit ist, ergeben die Dinge eine kleine Erzählung. Erst entsteht eine kleine Skizze, dann eine Zeichnung und dann kommt das Wasserfarbenblatt. Ganz selten führt es weiter in Richtung Ölbild.
Sowohl in der Fotografie als auch in der Zeichnung und der Malerei versuche ich, auf verschiedene Weise Immaterialität zu erzeugen. Beim Zeichnen kann ich etwas, indem ich es ganz zart mache, praktisch zum Schweben bringen, bei der Farbe muss es ganz locker bedeckt sein. Es muss atmen. Über Hintergründe wie die der Blumenbilder könnte ich theoretisch noch einmal Farbe drübergeben, aber es muss etwas ganz Schwebendes haben. Wenn das nicht gelingt, dann muss ich noch einmal von vorne anfangen. Das hat etwas Akribisches, aber am Ende soll es nicht nach viel Arbeit ausschauen.
KiS: Dieses Schwebende, Unbestimmte ist auch mit einem zentralen Thema Ihrer Kunst verknüpft: der Gleichzeitigkeit von Nähe und Ferne. Worum geht es dabei?
MZ: Man könnte es im weitesten Sinne als Erotik bezeichnen. Erotik ist der Kurzschluss von einer gleichzeitigen Nähe und Ferne. Für mich geht es um den erotischen Blick – nicht im sexuellen Sinn, sondern es muss eine Distanz zu etwas geben und gleichzeitig muss es mit mir verwachsen sein. Es geht um eine Sehnsucht nach etwas, das man ja vielleicht erlangen möchte, und im selben Augenblick muss man davon erfüllt sein.
KiS: Wie wird diese Gleichzeitigkeit von Erfüllt-Sein und Leere in Ihren Bildern sichtbar?
MZ: Das muss sich dann einfach in einem Bild, wenn es an der Wand hängt, bewähren. Es ist ja wichtig, dass man ausstellt. Das hat schon im Studium begonnen: Einmal in der Woche hat man seine Arbeiten am Boden aufgelegt. Dann sind der Professor und die Mitstudenten gekommen und haben alles angeschaut. Danach hat man gewusst, wenn man auf dem falschen Weg war, oder ist in seiner Arbeit bestätigt worden. Nach dem Studium hat das die Ausstellungstätigkeit übernommen. Dieses In-die-Öffentlichkeit-Gehen ist eine Bewährungsprobe.
KiS: Eine, der man sich gerne aussetzt?
MZ: Jein (lacht). Ich bin eher einer, den man ein bisschen anschubsen muss. Aber wenn ich es dann mache, ist es immer gut.

